FADED verwandelt die Unterführung zur Villa Merkel in einen Zwischenraum, der sich der eindeutigen Lesart entzieht. Die weichen Pastellverläufe legen sich wie atmosphärische Schichten über die nüchterne Betonarchitektur und unterlaufen deren funktionale Strenge, ohne sie zu leugnen. Was im ersten Moment wie ein bloßes dekoratives Eingreifen wirkt, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als präzise Auseinandersetzung mit den Bedingungen des Ortes selbst: einem Durchgangsraum, der niemandes Ziel, sondern stets nur Schwelle ist.
Im Kontext der Ausstellung Die Vermessung des Raums verschiebt die Arbeit den Messbegriff vom Geometrischen ins Atmosphärische. Die Farbübergänge folgen keiner Architekturlogik, sie legen stattdessen ein zweites, gleichberechtigtes Raumgefüge über das bestehende – eines, das sich nicht mehr in Metern, sondern in Temperaturen, Übergängen und Stimmungen beschreiben lässt. Die Wand hört auf, Grenze zu sein, und wird zur Membran.
Entscheidend ist dabei der zeitliche Kern der Arbeit. Einmal jährlich werden neu entstandene Tags mit weiteren Farbübergängen überarbeitet – nicht beseitigt, sondern absorbiert. FADED ist damit kein abgeschlossenes Werk, sondern eine Praxis. Jede Übermalung ist zugleich Reaktion, Aneignung und Weiterschreibung; der Eingriff anderer wird nicht als Störung verstanden, sondern als Voraussetzung des nächsten Zustands. So entsteht über die Jahre ein palimpsestartiges Gefüge, in dem Autorschaft, Zeit und öffentlicher Raum in ein produktives Verhältnis geraten. Die Arbeit verweigert sich damit dem klassischen Werkbegriff und nähert sich eher einem ökologischen Verständnis von Bild: etwas, das wächst, altert, reagiert und nie fertig ist.
Der Titel FADED wird in diesem Licht mehrdeutig. Er beschreibt nicht nur das visuelle Verblassen der Farbe, sondern auch ein Verständnis von Präsenz, das sich vom Permanenten verabschiedet hat. In einer Zeit, in der öffentlicher Raum zunehmend kontrolliert, gestaltet und optimiert wird, eröffnet FADED eine Gegenfigur: das bewusste Zulassen von Veränderung, Überlagerung und langsamem Verschwinden.
2025, Esslingen / Kunde: Villa Merkel
Wandgestaltung / Kunst am Bau / Freie Arbeit
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